Geschrieben von: Dennis
|
13. Januar 2011
Dass er eines Tages klassische Liebesgedichte schreiben würde, hatte der Poet nicht gedacht. Sicher, er hatte schon viel erlebt und auch so manches Mal sich überreden lassen schnulziges zu verfassen, doch Kitsch, da war er sich sicher, käme ihm nicht aufs schneeweiße Papier. Nicht nur, dass er nicht gewollt hätte. Es fehlte ihm auch dieses gewisse Etwas. Er konnte Kitsch nicht so sehen, wie er alles andere sah. Halb blind musste er zwar wieder und wieder seine dicken Brillengläser vom lästigen Staub befreien, und auch dann blieben dort Flecken zurück, doch danach konnte er in der Welt sehen, was nicht viele andere sahen. Das war es auch, dass in zu einem Poeten gemacht hatte. Es war Schmerz gewesen, der sein erstes Gedicht aufs Papier geworfen hatte. Schmerz in den Augen, den niemand sah – außer ihm.
Dort, auf dem Papier, hatte das Gedicht gelegen und ihn schelmisch angefunkelt, als wollte es sagen "Hier bin ich, sieh zu wie du mit mir zurechtkommst". Lange Zeit hatte es gedauert bis er verstehen konnte was geschehen war und als er Begriff lagen neben dem ersten Gedicht ein zweites, ein drittes - bald führte er Strichlisten um sie noch zählen zu können. Irgendwann hatte die Eitelkeit nachgelassen, das Zählen war unwichtig und Gedichte waren wie Atemzüge zu lebensnotwendigen Kleinigkeiten geworden. Er schrieb über alles: die Welt, Trauer, Sehnsucht, Götter und Engel, Menschen, Wolken, Sandstrände, Erinnerungen und sehr selten auch über die Liebe, tragische Liebe, versteht sich. Er schrieb eben über das was er sah. Natürlich sah er auch Glück. Gerade im Sommer ist die Welt ja häufig voll von Glück. Doch erinnerte es ihn immer daran, dass ihm selbst ein Puzzlestück zu fehlen schien.
Eines Tages hatte der Poet sich plötzlich verliebt, in eine der Blumen, die auf dem Felde stand, auf dem er oftmals schrieb. Wie er ihr seine Liebe schrieb, freute er sich endlich einmal über diese schreiben zu können und er versuchte sogleich ein zweites Gedicht. Es gelang ihm nicht ganz so gut wie das erste und das dritte was fast schon wieder zu traurig. Blumen, das weiß jeder Mensch, verblühen und bestehen nicht einmal ein Jahr in ihrer Schönheit fort. Der Poet aber hatte es vergessen, Naturgesetze waren für ihn doch nur Grund zu schreiben, der Quell für neue Ideen. Wenn man nämlich so viel schrieb wie er, gehen einem irgendwann die Ideen aus, die Themen. Und so sucht er immer nach neuen Dingen. Bald schon schrieb er über einen Stein, der neben seiner Blume lag, dann über eine Ameise, für die der Stein ein Berg sein musste. So schrieb und schrieb der Poet und es wurde Winter und Blume und Liebe starben unter dem Schnee.
Lange weinte der Poet und er schrieb über seinen Tränen und die Ungerechtigkeit der Welt und über seinen Hass auf das Schicksal. Er schrieb und schrieb, bis wieder ein Sommer kam, dann wieder ein Winter und noch ein Sommer. Als es dann Herbst wurde, war viel von deiner Trauer aus ihm hinaus und hinein in seine Gedichte geflossen. Blumen müsste es noch mehr geben auf der Welt, sagte er sich und so lebt er weiter, indem er beschloss durch die Welt zu wandern, um noch mehr sehen und so noch mehr schreiben zu können.
Es vergingen viele Tage, bevor er das erste Mal Rast machte und als er an einem klaren Brunnen versuchte seine Wasserflasche zu füllen lernte er eine Muse kennen. Musen waren seinerzeit rar geworden. Die Menschen waren es gewohnt sich nur um sich selbst zu kümmern, reich zu werden, berühmt oder mächtig. Musen, die Inspiration als Teil ihres Selbst sahen, verdienten schlecht, es war eine brotlose Kunst. Ab und an spendete jemand, der Wohlgefallen an ihnen fand, etwas Geld oder Essen - und davon mussten sie leben. So war der Poet überrascht eine ihrer Zunft zu erblicken. Fast hätte er sie übersehen, so unscheinbar war sie. Irgendwie klein, aber auch nicht, und von einer so einfachen Schönheit, dass der Poet verwirrt war. Er war so verwirrt, weil er keine Worte finden konnte und wie man sich denken kann, war er dies nicht gewohnt. So stand er da und ertappte sich dabei sie unhöflich anzustarren, bevor er beschämt zu Boden blickte. Er konnte ihr Lächeln nicht sehen und so ging er von dannen ohne an das Wasser zu denken und ohne zurück zu blicken.
Erst zwei Tage später merkte er, dass die Muse ihm folgte und das verwirrte ihn so sehr, dass er seine Richtung aus den Augen verlor und einige Stunden im Kreis lief. Stets blieb sie hinter ihm und als er irgendwann nicht weiter wusste wartete er, bis sie an seiner Seite war. Sie sagte nur „Du bist ein Poet“ und dann schwiegen beide eine lange Zeit, weil dem Poeten die Worte fehlten und die Muse ihn nicht stören wollte in seiner Wortlosigkeit.
Als er am Abend ein Feuer gemacht hatte, setzte der Poet sich seiner Gewohnheit nach hin um zu schreiben. Noch nie hatte jemand ihm direkt zugesehen und so zitterte seine Hand mit der Feder, die ansonsten unbewegt über dem Papier schwebte. Die Muse sah ihn an und lächelte und so schrieb er über ihr Lächeln. Doch als er fertig war, kam ein Windstoß und entriss ihm das Blatt, das an den Flammen vorbei in die Nacht verschwand. Nie erfuhr er wer seinen Text las. Es war der erste, der in eine Freiheit entflogen war. Und während der Poet noch nachdachte über seine Zeilen und über sie, legte die Muse sich schlafen. Nur Minuten später wurde auch der Poet müde, trotz all seiner Gedanken. So ging er die Muse zudecken, mit der einzigen Decke die er besaß und legte sich selbst nahe ans Feuer, der Wärme wegen.
Wochen zogen ins Land in denen Muse und Poet gemeinsam, oftmals still, die Welt durchstreiften. Meist sprach sie nur dann, wenn er zu schreiben beginnen wollte und noch keine richtigen Worte fand. Oft genügte eine Geste von ihr, manchmal waren es aber auch kleine Geschichten und schon fielen die Gedichte wie Regentropfen auf des Poeten Papier. Sie wurde seine Muse. Und eines Tages schlug sie ihm vor einige seiner Gedichte in die Welt zu entlassen. „Sie brauchen Freiheit, weißt du? Und der Menschen wegen…“ dann schwieg sie wieder. Fortan ließen sie hier und dort Gedichte zurück, ohne zu wissen wer sie sie finden konnte, ohne zu wissen, dass manche die Finder zu Tränen rührten.
So ging es lange Zeit, bis der Poet eines Tages erwachte und seine Muse fort war. Er konnte ja nicht wissen, dass sie nur ein Bad nahm im nahen See, doch da bemerkte er, dass er sich sehnte nach ihr - und er wusste, dass er sich verliebt hatte. Das Herz schien ihm aus der Brust zu springen, jetzt da ihn dieses Gefühl überkam und er sie gleichwohl verloren glaubte. Als er hinter einem Baum ihr Strahlen gewahr, wollte er nichts mehr als zu ihr zu gehen und sie zu umarmen, doch erinnerte er sich der Blume und so hatte er Angst.
Fortan war all seine Poesie für sie. Abend für Abend schwiegen sie nun, denn ihr Sein reichte ihm Gedicht um Gedicht zu schreiben. Wie üblich las sie seine Texte, wählte mit glänzenden Augen die schönsten aus, und gemeinsam entließen sie die Worte in die Freiheit. Mal um Mal fragte der Poet sich ob sie es ahnte, ob sie es wissen konnte, ob Sie die verborgene Zärtlichkeit finden und erkennen zu vermochte. Sie schwieg, ihre Gespräche blieben wortlos. Für die Muse gab es nichts zu sagen wenn er schreiben konnte, wenn ihm das Glück der Momente aufs Papier zu bringen gelang erfüllte sie ihr Sein - und mehr brauchte sie nicht als Muse um sich glücklich und wohl zu fühlen. Der Poet hingegen wollte seine Gefühle nicht verbergen, wollte die Schönheit seiner Liebe zeigen, einzig die Angst hinderte ihn, es ihr einfach zu sagen. So schrieb er mehr und mehr seine Liebe auf. Sie las jedes Wort und schwieg lächelnd. Bald schon fand er auf seinen Blättern jene kitschigen Liebestexte, die er nie für möglich gehalten hatte. Er sah die Liebe so wie sie war, sah sie in seiner Muse, die er liebte. Menschen, die nun seine Texte fanden, konnten wie er alles sehen in der Welt, selbst solches das sich verborgen hatte in Trauer oder Furcht. Manche folgten sogar der Spur aus freien Gedichten, um mehr sehen zu können, um Liebe finden zu können, ohne sie selbst je zu finden.
Über ein Jahr verging in dem der Poet fast nur für seine Muse schrieb, ihr zu zeigen was er meinte. Als Muse wusste sie um jedes seiner Worte und dem Warum, doch schwieg sie des alten Gesetzes wegen, dass eine Muse einen Poeten nicht lieben durfte und er nicht sie. Als sie eines Nachts dalag, am Feuer, und er glaubte sie schliefe schon, wollte der Poet nicht länger warten und ihr seine Liebe auf die Haut hauchen, in einem unschuldigen Kusse zur Nacht. Sie rührte sich nicht, als seine Lippen über die ihren strichen, denn sie wusste, dass sie ihn küssen müsste, würde sie sich nicht selbst überreden schon zu träumen. Als Muse durfte sie keinen Poeten küssen, keinen Poeten lieben, sie kannte die Regeln. Als er schlief schlich sie davon und ließ nichts zurück außer schweigenden kleinen Tränen, die schnell im Erdreich verschwanden.
Als der Poet erwachte wusste er nicht, wie einst, ob seine Muse nicht nur gegangen war sich zu baden. Er wartete und sah den Vögeln zu, in ihrem wirren Spiel, das sie in den Wipfeln der Bäume trieben. Schneller als er es bemerkte, obwohl er seine rasenden Herzschläge zählte, wurde es wieder Abend und der Poet ging unruhig auf und ab. Dabei vergaß er ganz zu dichten, die erste Nacht seit Jahren verging, ohne dass ein Papier gefüllt wurde mit seinen Worten.
Am nächsten Morgen versuchte er ihren Spuren zu folgen, während Sekunde um Sekunde sein Herz zu Staub zerbrach. Hier und dort fand er Fußspuren oder einen gebrochenen Ast, doch wiesen sie ihm keine Richtung, nichts dem erfolgen konnte, so dass er erst jede Hoffnung und dann sich selbst verlor. Wie viele Tage er suchte, nicht schrieb, wusste er nicht. Selbst sein alter Freund der Mond konnte es nicht sagen, denn die Welt schwieg nun und er war wie blind. Er sah nichts als Sie vor seinem inneren Auge und ohne zu sehen konnte er nicht schreiben. Seine Hände zitterten. Nicht über Papiere huschen zu können setzte ihnen zu. Worte stauten sich auf in ihm. Kleine Welten wuchsen heran und zerfielen wieder, ohne je gesehen zu werden.
Als er irgendwann wieder zu schreiben begann, schrieb er nur um sie zu finden, schrieb er über seine Sehnsucht, seine Liebe, seine Suche. Jedes Gedicht entließ er in die Freiheit, damit seine Muse es finden konnte, warten konnte, oder wenigstens wissen konnte, dass er sie suchte. Er legte eine Spur aus Poesie und wusste nicht, dass es seine Liebe, seine Sehnsucht war, die sie weiter fort trieb von ihm. Er schrieb so viel wie nie zuvor, an jeden Baum hängte er all seine Liebe, jedem Menschen den er traf gab er wortlos ein vollgeschriebenes Papier. Er gewöhnte sich sogar an im Gehen zu schreiben und dennoch jedes Gesicht zu sehen, um seine Muse nicht zu verpassen. So sehr er Menschen sein Leben lang gemieden hatte, so sehr suchte der Poet nun ihre Nähe. Als Muse, so dachte er, lebte sie davon Menschen zu inspirieren. In der Einsamkeit würde sie nicht lange bleiben.
Jedes Dorf, jede Stadt überschwemmte er mit Texten, jeder sollte es wissen, sollte ihre Schönheit erkennen können, es ihm sagen, wenn sie gesehen wurde. Bald schon war der Poet weithin bekannt, jeder Mann, jede Frau, sie alle kannten seine Poesie, wussten um seine Suche, kannten die Geschichte vom Poeten und seiner Muse, die er liebte. Doch niemand niemand konnte ihm helfen. Bald vergaß der Poet wie Liebe aussah, der graue Staub in seiner Brust rieselte dann und wann aus seinen Augen hinaus. Langsam verlor er das was einst sein Herz war auf dem Weg und den Weg selbst verlor er ebenso. Einsam, verloren, durchstriff er die Welt. Von einer Einöde zur nächsten gelangte er, mehr als ein toter Wald wurde zu einem anderen Leben erweckt, durch seine Poesie an jedem Stamm.
Als er durch eine Welt voller Dornen wanderte, verlor er seinen Mut, bei einer Rast. Er ließ ihn einfach liegen, auf einem Stein, und später konnte er ihn nicht wiederfinden. Seine Kleider hingen in Fetzen, von dem bisschen Leib, das ihm noch blieb, zu lange hatte er nichts gegessen, nichts getrunken. Blutstropfen sammelten sich auf seinen Füßen. Der Himmel war nur noch grau. Tag und Nacht gab es nicht mehr, keine Vögel sangen und kein Gedicht das er schrieb konnte ihn glücklich machen. Alle Fülle war ihm gewichen, er war leer. Nur anderen gab er manchmal einen Sinn, jenen, die seine hohlen Worte lasen, jenen die nicht verstanden. Er war allein, jetzt wo so viele ihn kannten, hatte er ihnen nichts zu sagen und musste doch suchen. Er spürte, dass er ohne es selbst zu merken, sein Leben und seine Seele in seine Liebe gelegt hatte. Alles in ihm starb. Die große Sanduhr der Gezeiten stand nicht still. Nicht für ihn, nicht für seine Muse, gleichwohl ihrer beider Geschichte schon unsterblich war.
Der Poet wusste, dass sein Weg kein weiter mehr sein konnte, dass seine Schritte ihm ausgingen, wie seine Worte es taten. Es lag nur ein einziges winziges Dorf in seiner Nähe, wo ihn niemand kannte, dorthin wollte er gehen, um noch einmal unter Menschen seine Spur zu legen. Nicht für sich, nur für sie war er noch. Er wusste sie würde wollen, dass er schrieb bis nichts mehr war von ihm, so dass andere es lesen, dass andere sehen konnten, was er selbst nicht mehr sah. So setzte er sich an einen Brunnen, benetzte sich die Lippen mit der Kühle, ohne zu trinken.
Als seine Feder auf das Papier traf, überkam den Poeten die dunkle Ahnung, dass es sein letztes Gedicht sein könnte. Das letzte Mal, dass er ihr sagen konnte, dass er sie liebte und geliebt hatte, vom ersten Augenblicke an. So schrieb er pure Liebe auf dreckig löchriges Papier, mit zitternder Hand und all jenem was ihm geblieben war von seinem Herzen. Wer ihn sah erkannte wie die Farbe dieser Welt aus ihm wich. Er wurde grau wie der Tag, selbst die Füße, rot von Blut, waren bald schwarz-weiß. Auf den Rand der steinernen Brunnenmauer legte er das Blatt, bückte sich, nahm ein Kiesel, beschwerte sein Werk, und wollte noch einmal den Himmel betrachten, ob grau oder nicht. In den Augen jener die ihn anstarrten, sah er sein eigenes Wesen, erkannte er die Sandkörner, die ihm entglitten.
Fast hätte er sie übersehen, so unscheinbar war sie. Irgendwie klein, aber auch nicht, und von so einfacher Schönheit… und dann dieses leichte Lächeln, dieses Strahlen, das die Welt war für ihn. Alle sahen es. Seine Feder fiel lautlos zu Boden.