Über ein Ende

Als ich die Augen aufschlage ist es Donnerstag. Ein nur ganz kleiner Streifen Lich fällt in mein Zimmer, wohl Regenwolken sind es, die den Himmel verdecken.

Es riecht nach nasser Wäsche. Gestern Nacht noch habe ich sie aufgehängt, doch getrocknet ist sie nicht. In diesen Räumen trocknet nichts so schnell. Warum weiß niemand so genau. Es wird auch an dem Dielenboden liegen, der leise knartscht als ich die Füße aus dem Bett schwinge. Mehr tot als lebendig stolpere ich ins Bad. Das ich morgens noch nie gefallen bin muss ein Glücksfall sein, muss sich irgendwie erklären lassen, auch wenn ich nicht weiß wie. Ich finde mich unter der heißen Dusche wieder, als ich langsam aufwache. Ganz langsam legen sich die Schleier von meinen Augen, während Schleier von heißem Dampf langsam das Bad einnehmen. Der Spiegel beschlägt, später werde ich mich nicht sehen können.

In den letzten drei Wochen habe ich mir angewöhnt früher aufzustehen. Rasieren. Haare föhnen. Kämmen. Alles soll einigermaßen ordentlich sein, obwohl ich mich nie sonderlich dafür interessiert habe. Die letzten drei Wochen waren gut. Voller Arbeit und voller schöner Gefühle für eine Frau, die ich über alles liebe. Während meine Beine anfangen zu schmerzen, weil ich zu lange auf einer Stelle stehe, denke ich an sie, schüttle den Kopf, weil ich wieder einmal drei Tage nichts gehört habe von ihr. Sie arbeitet noch mehr als ich und vergisst, genau wie ich, über diese Arbeit alles andere.

Als ich das Wasser abdrehe, habe ich ihr schon wieder vergeben. Morgen ist die Woche vorbei, dann kann ich sie wiedersehen, dann wird alles besser. Ich esse schnell und im leichten Nieselregen fahre ich zur Arbeit. Immer mit dem Fahrrad, denn zum Laufen bin ich doch zu müde und noch früher aufzustehen … nein, das stünde mir wirklich nicht. Viel zu tun, viel Chaos ist zu beherrschen. Etwas das ich gut kann, schließlich ist mein ganzes Leben Chaos, ist es schon immer gewesen. Mit einem Lächeln schicke ich eine SMS, wünsche viel Glück für eine Klausur und ein „ich liebe dich“ hinterher. In der ersten Nachricht habe ich es glatt vergessen. Was man nicht alles so vergiss, bei zu viel Arbeit.

Ein leises Summen und Vibrieren, ein paar Buchstaben die alles verändern. „Habe viel nachgedacht. Schicke dir einen Brief“. Wo war noch gleich das Anschreiben, das ich tippen sollte? Meine Chefin sagt irgendwas. Ich bekomme es nicht richtig mit. Worum geht es noch? Der Faden ist verloren, das Chaos ist mit einem Schlag übermächtig. Kein „ich liebe dich“. Jeder Mensch, der länger auf dieser Erde weilt, weiß was solche Worte bedeuten, weiß was geschehen will. Wie jeder andere kann ich es nicht wahrhaben.

Der Nieselregen ist plötzlich drückend schwer. Jeder Tropfen ist ein Schlag. Wie bin ich eigentlich von der Arbeit nach draußen gekommen? Ich weiß nicht mehr genau. Zu schnell bin ich gegangen, obwohl ich einiges liegen gelassen habe, das wichtig war. Heute Morgen war es noch wichtig. Was war heute Morgen noch einmal für ein Tag? Stillschweigen legt sich auf die Welt und die Zeitlupe beginnt. Jeden Herzschlag kann ich zählen, doch ich verzähle mich jedes Mal, wenn ich gerade bei zweihundert angekommen bin. Oder waren es nur drei?

Irgendwann bin ich zuhause, irgendwann haben wir geredet. Irgendwann … wann war das noch … habe ich den letzten Funken Hoffnung ausgetreten. Es ist immer noch Donnerstag. Es ist nur ein winzig kleiner Streifen Licht. Von der Straßenlaterne. Er fällt durch meinen Vorhang, doch ich sehe ihn kaum. Wozu kann ich nochmal sehen, wenn es nicht sie ist die ich sehe? Vor kurzem war noch so viel Liebe da. Vor kurzem war noch ein Wort auf meiner Hand geschrieben, von ihrer Hand. MEINS, so hat sie mich in Besitz genommen. Abgewaschen wurde es von selbst. Aber sie war noch da. Unsichtbar war die Schrift. Aber doch so wahr. Wie kann ich nur bei dem Dröhnen einschlafen? Wie kann ich jemals einschlafen, wenn es so dröhnt, das Herz in meinem Kopf.  Es riecht nach nasser Wäsche. Die Luft schmeckt nach Tränen. Nichts trocknet schnell in diesen Räumen.

Ich weiß nicht warum.