| 11. Juli 2011
Die Großen … und die Kleinen. Twittergedanken.
Frage: Warum werden Tweets immer allgemeinpopulärer, warum gibt es Fav- und Retweetgeilheit?
Was genau bei Twitter dazu führt, dass bestimmte Menschen viele „follower“ haben, andere hingegen weniger ist eine Frage, die viele Marketingexperten ins Grübeln stürzt. Eigentlich ist es aber völlig egal WIE die Mechanismen funktionieren. Wichtiger ist, DASS sie funktionieren, Anlass zur Spekulation und Nachahmung bieten. Die Tweets bekommen zunehmend allgemeinen Charakter, es wird immer versucht einen GUTEN Tweet zu schreiben, immer seltener wird versucht sich selbst wirklich einzubringen, etwas von sich selbst widerzuspiegeln in die Welt hinter den Monitor hinein. Fakt ist: Wer von vielen gelesen wird hat einen größeren Spielraum bei Twitter. Nur dann nämlich gibt es viele Antworten, aktive Kommunikation oder gar Hilfe von außerhalb wenn private Probleme auftauchen. Und wer bekannt ist wiederrum bestimmt mit was läuft. Das Phänomen ist nicht neu und wurde erst kürzlich in der bekannten Hackergruppe Anonymous diskutiert. Es sind die einzelnen Großen die bestimmen welche Themen in sind, und so letztendlich Politik machen – und das obwohl Twitter keine Diktatur ist, sondern im ureigensten Sinne demokratisch auf Angebot und Nachfrage fundiert. Wer interessantes anbietet, hat einen größeren Kreis an Verehrer. Talente, private Kontakte oder bestimmte Themen können dazu beitragen populär zu werden.
Populär zu sein ist nicht unbedingt das Ziel aller Twitterer, ist aber eins der ureigensten Phänomene dieses Dienstes, ausgelöst durch diverse Berühmtheiten, die über Twitter ihre Fans in ihr Privatleben Einblick erlaubten. Twitter funktioniert nicht ohne eine gewisse Beliebtheit. Wer nicht gelesen wird nimmt nicht teil an der sozialen Plattform, die am Anfang eigentlich gar keine ist. Es gibt keine allgemeinen Diskussionen – oder wenn doch sind sie so groß dass einzelne Stimmen in der Masse völlig verblassen. Es gibt auch keine Haltezeit von Nachrichten. Sie sind kurz nach ihrer Bekanntgabe verschwunden, es sei denn jemand sucht gezielt nach dem was eine bestimmte Person geschrieben hat oder ist bereit viele Nachrichten zu lesen, um sich über Geschehnisse / Themen des letzten Tages zu informieren. So ist es auf Twitter anfänglich SEHR einsam. Gerade für Neulinge. Facebook und Co sorgend dafür, dass reale Freunde schnell verknüpft werden. Unter Twitter findet man sich häufig nur unter dem Nickname. Schaut man das erste Mal in diesen unsozial wirkenden Dienst herein dann ist dort nichts. Keine Texte, keine öffentlichen Informationen, kein Interesse. Erst muss man diversen Personen folgen, lesen was sie schreiben. Schreibt man selbst etwas liest es niemand – man hat eben noch keine follower. Das ändert sich zwar bald, doch bleibt der Trend bestehen: Ich brauche viele Menschen die meine Texte lesen. Erst dann kann ich in Twitter agil sein, muss mich nicht mehr nach jeder Möglichkeit umschauen meine Gedanken anzubringen.
Wer schreibt, der schreibt schließlich selten nur für sich. Kunst als solche braucht zwar kein Publikum, sie ist nicht abhängig, der Künstler aber schon. Insofern nämlich, dass ohne Applaus kein Stück lange aufgeführt wird. Die Motivation, das Selbstbewusstsein, sie verschwinden. Warum auch schreiben wenn niemand liest? Niemand reagiert? Für mich allein kann ich das auch in einem Tagebuch tun. Ohne dass mit immer wieder Nachrichten in die Timeline geworfen werden wie „50 Sterne hat XY bekommen für DIESEN TWEET:“. Oder „Bitte mal vollmachen … DIESEN TWEET“ was so viel heißt wie: Man soll ihn favorisieren. Viele Sterne werden bei favstar.fm gesammelt und angezeigt. Aus Prestigegründen. Was man auch wieder sieht, als ungelesener, sind Tweets die 100t fach weitergetweetet werden – obwohl sie gar nicht mal so klug sind oder gar alte Ideen beinhalten. Oder dass Nutzer berühmt bleiben obwohl sie nur noch Schrott schreiben, in ihrer Schreibqualität, ihrem Unterhaltungswert oder was immer sie einmal bekannt gemacht hat, längst nicht mehr ausgefeilt agieren.
Twitter ist an sich also eine völlig unsoziale Gesellschaft, das auszugleichen versuchen viele durch persönliche Kontakte, durch Anknüpfungen an Themen, durch direkte Kommunikation mit anderen. Doch geht auch das nur, wenn man gelesen, wenn man wahrgenommen wird für das was man macht.
Um wahrgenommen zu werden schreibt man Tweets von denen man glaubt, sie seien gut, sie seien allgemein, sie würden das Publikum begeistern. Man sammelt Sterne, Retweets und hofft so auf mehr follower zu kommen um endlich auch mal aktiv ein Mem mitzugestalten oder einfach mal Antwort zu bekommen auf das was man so schreibt. Die Tweets werden immer allgemeiner, immer populärer gestaltet, immer in dem Versuch zu gefallen. Ich selbst zu sein ist uninteressant wenn ich selbst uninteressant bin für die Masse, die dem folgt, was die großen Ansagen, was sie weitertwittern, was sie vorschlagen oder auslösen. Als nächstes werde ich vielleicht weiblich sein auf Twitter … ich glaube, das kommt besser an … egal was man schreibt.
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