| 27. Juni 2007
Hunderttausend Blätter, wie im Herbst, leigen auf dem Boden. Wind und Regen scheinen wildes Leben in sie zu tragen, nichts steht still, hier gibt es keine Ruhe. Nirgendwo können meine Augen sich festhalten, werden mit jedem Windschlag mitgerissen, ein stetiges hin und her.
Überall auf meinem Gesicht wandern Regentropfen in die Tiefe, vielleicht auch einige aus der Tiefe zurück hinauf in den Himmel. Überall ist Wasser, nur in meiner Hand spüre ich immer noch das Buch voll mit Gedichten für dich. Ein wenig verwundert schaue ich hinunter, dachte ich hätte es lange verloren, am Anfang des Weges.
Jeder Schritt scheint ein wenig tiefer einzusinken in den feuchten Waldboden, als ich weitergehe verliere mehr und mehr Erinnerungen ich. Die rote Tinte aus dem Buch tropft immer noch – es scheint nicht leer zu werden – über meine Finger wie viel zu helles Blut. Der ausgetretene Pfad, der eine Weile mein Begleiter war, verliert sich langsam zwischen Bäumen, Moos, den Blättern und dem Regenmeer, doch einen Weg scheint mein Körper nicht zu brauchen. Wie ein Gast betrachte ich mich, Schritt für Schritt tiefer in den Wald, weiß ich immer weniger wer ich bin.
Zwischen den Schatten, schwaches Mondlicht wirft sie, spüre ich dich. Von einem großen Baum pflücke ich eine ferne Erinnerung:
Ein seltsam edler Mantel fällt von meinen Schultern. Dein Lachen hallt über die Berge, es hüllt mich wärmer ein als jede Kleidung. Dich sehen kann ich nicht, kein Bild von dir lässt sich finden; wie kann ich dich nicht kennen?! Dein Kuss scheint mich zu treffen, doch liegt eine Schlucht zwischen uns … für dich würde ich hinunter springen, doch wartest du nicht dort unten – auf der anderen Seite fällt dein Gewand. Spüre deine Haut in Gedanken und … alles verschwimmt, regen wirft sich wieder auf meine Augen. Der Weg zu dir ist immer lang, doch stehst du immer neben mir … wie das geschehen konnte weiß ich nicht mehr.
Hatte ich zu Beginn meiner Reise noch Kompass, Karte, Proviant bleibt nun mir nur noch Hoffnung. Die Karte spülte der Regen fort der Kompass zeigte nur nach Norden, nie zu dir und hungrig bin ich schon wochenlang. Fast möchte ich alle Schuld auf ein altes Lied schieben, doch kann ich mich an die Melodie nicht mehr erinnern.
Ab und an erleuchtet ein kleines geflügeltes Herz den Horizont, von dem ich glaube dass es deines ist. Warum nur verschwindet es so schnell wieder hinter den Wolken? Wende wieder meine Schritte dem entgegen was du mir zeigst, bin hilflos … du mein Irrlicht.
Um die Berge herum soll der Wald mich führen, zu deinem unsichtbaren Königreich hin, habe keinen Pfand mitgenommen außer tiefen Gefühlen, deren Worte im Regen zu schmelzen scheinen. Komme kaum noch voran, die ganze Welt scheint mich festzuhalten und ungewollte Versprechen einzufordern die in der Zeit marode geworden sind.
Einmal spielte ich ein altes Spiel … glimmen Worte auf in meinem Kopf … mit hundert Karten in der Hand. Mein Gegner gab sich nicht zu erkennen und Karte für Karte fiel auf den Tisch und jeder Stich in Gegners Hand. Wie gemischt in einer Art, gezinkt, verlogen, war alles was geschah. Jahre vergingen über dem Spiel, alles blieb immer gleich, tausende Karten auf Gegnerhand, kein einziger Punkt auf meiner und erst der allerletzte Stich … Herzdame gewinnt … erlaubt es mir zu lächeln. Nur entgegen dieser leuchtend roten Farbe … regengraue Wälderwelt-
Die Traumstimme verklingt und zieht mich zurück aus den so selten gewordenen Erinnerungssplittern heraus aus in die immer noch viel zu ferne Welt.
Langsam ranken sich die ersten Nebelschwaden um meine Beine, die richtige Tiefe der Nacht schiebt sich nach vorne, auf einer Uhr hätte der Zeiger Mitternacht wohl lang überschritten, ich weiß es nicht … habe vergessen wie Zeit vergeht, mit dir wird wohl alles ewig. Eisig, langsam, schmerzvoll rast jeder Atemzug durch meine Lungen. Verworren hastig huschen die Tropfen vorbei, und doch spüre jeden einzelnen ich durch jede Kleidung noch hindurch, kalt und warm zugleich, ganz sanft – wie ein Schlag in Hass geführt.
Weiter – weiter – immer weiter zerrt mein Körper, meine Sehnsucht mich, qualvoll wie das Jahrzehntespiel, fallen wie Karten meine Schritte beinahe sinnlos auf der Suche. Traue mich kaum auf die letzten zu hoffen. Es warten noch Vulkane, noch Meere, noch Ängste, alle erwachsen aus der Regenwelt in der ich ertrinke … es sehnt mir danach zu ertrinken in deinen fremden Augen, doch der Weg bleibt voller Lieder … so voll Angst und immer einmal wieder Erinnerungen an nicht gelebtes das mich doch bestimmt, mich führt … und Lichter, Gedanken, Gefühle, dein Herz das mich voran treibt auf der weiten sehnsuchtsvollen Suche nach dir.
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